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Franz Eggstein’s Regie Erfahrungen (Teil 2)

Franz Eggsteins Kommentar

Franz Eggstein sprach mit Schüler*innen über die Regie im Amateurtheater. Im zweiten Teil seines Interviews geht es um den Unterschied zwischen Film und Theater und die Arbeit als Regisseur.

Was ist der Unterschied zwischen der Regie im Theater und im Film?

Es handelt sich bei Theater und Film und zwei unterschiedliche Medien.
Theater ist eine Live-Veranstaltung und existiert nur in Verbindung mit den Zuschauer*innen. Um nochmals Peter Brook zu zitieren:

„Ein Mensch geht durch einen Raum, während ein anderer ihm dabei zusieht. Das ist alles, was zu einer Theateraufführung notwendig ist“

Man braucht einen Raum, Schauspieler*innen die spielen und Menschen, die ihnen dabei zuschauen. Theater findet ganz im Augenblick statt. Es ist eine Kunst der Gegenwart. Beim Film ist es anders. In dem Moment, in dem man den Film anschaut, ist es ein Blick in die Vergangenheit. Der Film ist vor Wochen, Monaten oder Jahren gemacht worden. Die Szenen entstehen nicht jetzt, im Augenblick. Die Schauspieler*innen agieren nicht jetzt, live, vor meinen Augen. Der Film entsteht im Schneideraum bzw. am Computer und das Ergebnis sehe ich auf der Kinoleinwand oder zuhause auf dem Bildschirm.
Damit ist der grundsätzliche Unterschied zwischen den beiden Kunstformen beschrieben. Entsprechend arbeiten auch die Regisseure anders.

Ein Theaterstück entsteht während der Proben

Hexenjagd - Probenfoto 09
Foto von Oliver Hahn


Beim Theater kann man das Stück vorbereiten. Zum Beispiel durch die dramaturgische Arbeit an der Spielfassung, durch die Inszenierungsidee und durch Überlegungen zum Bühnenbild usw. Aber die Szenen selbst entstehen während der Proben. Das ist der eigentliche künstlerische Akt beim Theater. Bei meiner Arbeit plane ich, welche Szenen wir proben. Aber wie die Probenarbeit abläuft, kann man weder planen noch vorhersagen. Die Proben sind der Freiraum in dem vieles möglich ist. Aus diesem Kreativpool der Proben entstehen viele Ideen und der Regisseur muss diejenigen, die ins Inszenierungskonzept passen, bündeln und zu einem ganzen zusammenfügen. Ideen, die nicht ins Konzept passen, sollten nicht berücksichtigt werden, weil sonst die Aussage des Stückes darunter leidet. Ein alter Theaterspruch lautet: „Kill your Darlings“. Der Regisseur hat bei den Theaterproben eine große Bandbreite von Möglichkeiten; vom starken aktiven Eingreifen bis zum Laufenlassen der Proben, um zu sehen was dabei entsteht.

Die Arbeit endet mit der Generalprobe


Die Arbeit des Theaterregisseurs endet mit der Generalprobe. Der große Theatermann Peter Stein sagte einmal:

„Wenn der Regisseur bei der Premiere auf der Bühne noch sichtbar ist, hat er etwas falsch gemacht.“

Ab der Premiere übernehmen die Schauspieler*innen das Stück, so lange, wie sie es spielen. Denn im Theater gleicht keine Aufführung der anderen, sondern jede Aufführung ist der anderen nur ähnlich. Im Detail gibt es immer wieder Veränderungen, weil Theater ein „Work in Progress“ ist.

Beim Film legt das Drehbuch die Arbeit fest

Beim Film gibt es in der Regel ein Drehbuch. Dieses Drehbuch basiert oft auf einer literarischen Vorlage. Neben professionellen Drehbuchautor*innen arbeiten auch die späteren Regisseur*innen der Filme an den Büchern. Im Allgemeinen sind dort die einzelnen Szenen genau festgelegt und vor Beginn des Filmprojekts entsteht ein Plan, der die Dauer der Dreharbeiten umfasst. Die Drehtage werden vorher festgelegt und sollten nicht weit überschritten werden, weil jeder Drehtag viel Geld kostet. Vorab legen die Regisseur*innen fest, welche Szenen sie an welchen Tagen machen. Die Schauspieler*innen bereiten diese Szenen vor. Sie lernen nicht den gesamten Text für den Film auswendig, es genügt, wenn sie ihren Text für die Szene beherrschen. Im Unterschied zum Theater kann eine Szene beliebig oft gedreht werden. Solange, bis die Regisseur*innen mit einer oder mehreren Versionen zufrieden sind.

Nach dem Drehen des Films haben die Regisseur*innen eine Menge Material, das sie sichten und im Schneideraum bearbeiten. Der Film entsteht also im Schneideraum, bzw, am Computer. Szenen, die computeranimiert sind, werden eingefügt, die gedrehten Szenen oft am Computer nachbearbeitet. Dadurch sieht das Ergebnis ziemlich anders aus, als die Schaupieler*innen die Dreharbeiten in Erinnerung haben. Am Ende steht ein fertiges Produkt, das nicht veränderbar ist. Der Film ist immer gleich, egal wie oft man ihn sieht, die Theateraufführung ist an jedem Abend ein bisschen anders.

Film ist nicht veränderbar


Kurz zusammengefasst: Filmregisseur*innen schaffen das Produkt Film nach dem Abschluss der Dreharbeiten durch den Schnitt. Der Film ist nicht mehr veränderbar, die Szenen stehen fest, die Schauspieler*innen agieren immer gleich. Die Theaterregisseur*innen müssen ihre Inszenierungsideen den Schauspieler*innen vermitteln, sie ihnen plausibel machen. Denn sie sind es, die diese Ideen an den Aufführungsabenden live dem Publikum vermitteln. Dabei sind die Proben sehr frei gestaltet; von freier Improvisation der Szenen, bis zu konzentrierter szenischer Arbeit. Regisseur*innen ist bewusst, dass erarbeitete Szenen nur so ähnlich wiederholt werden können. Eine exakte Reproduktion des gerade Erarbeiteten ist im Theater unmöglich, weil es immer live ist und weil Schauspieler*innen keine Roboter sind, die das Stück immer gleich spielen können. Regisseur*innen im Theater arbeiten darauf hin, dem Zuschauer ein möglichst beeindruckendes Live-Erlebnis zu verschaffen und ihre Inszenierungsidee an jedem Abend auf der Bühne sichtbar werden zu lassen.

Woher weißt du, wie viel Zeit du zum Proben brauchst?

In der Regel gehe ich davon aus, dass ich bei einem größeren Stück ungefähr 6 Probenwochen je 5 Tage brauche. Dieser Zeitraum kann aber im Amateurtheater variieren. Weil man es nicht mit ausgebildeten Schauspielern*innen zu tun hat, die ihr Handwerk vier Jahre an einer Schauspielschule erlernt haben, kann die Rollenfindung länger dauern. Man sollte deshalb ungefähr ein bis zwei Wochen Probezeit dazurechnen. Bei unseren Uniseminaren ist die Probe- und Aufführungszeit durch den Vorlesungszeitraum limitiert. Wir fangen deshalb oft bereits in den Semesterferien zwischen Winter – und Sommersemester mit den Proben an.

Wie wird man Regisseurin oder Regisseur?

Einige der Gründe, warum jemand Regisseur werden will, habe ich bereits im ersten Teil des Interviews beantwortet. Hier beschreibe ich den Weg, den man einschlagen kann, um Regisseur zu werden.

Vom Regieassistenten zum Regisseur

Ich bin den Weg über eine Regieassistenz an der Shakespeare-Company gegangen. Wenn man diesen Weg beschreitet, arbeitet man zuerst als Regieassistent*in bei einem Theater und versucht soviel wie möglich von der Arbeitsweise einer Regisseurin oder eines Regisseurs mitzubekommen. Ich konnte auch bereits als Regieassistent Vorschläge machen, was man in der Szene ausprobieren könnte oder wie die Szene ablaufen soll. Darüber wird man an die Arbeit als Regisseur*in herangeführt, ohne dass man gleich die volle Verantwortung zu tragen hat, denn hinter einem steht immer noch die Regisseurin oder der Regisseur. Als Regieassistent*in lernt man sehr gut die Schauspieler*innen kennen, man begreift ihre Denkweise, ihre Herangehensweise an die Rollenfindung, ihre Persönlichkeit und ihre „Macken“.

Das Studium der Regie an einer Schauspielschule

Wenn man heute eine Karriere als Regisseur*in am Staats- und Stadttheater anstrebt, führt der Weg nur über die Ausbildung an einer Schauspielschule. Während es bis in die 90er Jahre des vergangenen Jahrhunderts üblich war, dass die Regisseur*innen den oben beschriebenen Weg gegangen sind, hat sich das heute komplett verändert. Wer den Beruf der Regisseurin oder des Regisseurs erlernen will und Ambitionen hat, an den großen Theaterhäusern zu inszenieren, kommt um eine Ausbildung an einer Schule nicht mehr herum. Da die Regieausbildungsplätze an den Schauspielschulen in Deutschland, Österreich und der Schweiz stark begrenzt sind, ist das Auswahlverfahren entsprechend streng.

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