Kreativität in den Zeiten des verplanten Lebens

Franz Eggsteins Kommentar

Franz Eggstein über den Umgang mit Zeit und Kreativität im Theater und unserer Gesellschaft.

Zwei Beobachtungen aus den Theaterseminaren liegen den folgenden Überlegungen zur Kreativität zugrunde.

  1. Es ist mittlerweile schwieriger einen Probentermin mit vier oder fünf Studierenden abzusprechen, als das mit meinen Vorstandskollegen eines mittelständischen Unternehmens der Fall ist.
  2. Es gibt seit ca. 6 – 7 Jahren Anzeichen dafür, dass die Kreativität vieler Teilnehmer:innen unserer Theaterseminare bei den Proben zurückgeht.

Bevor ich diesen Fragen weiter nachgehe, im Folgenden einige Thesen, welche Voraussetzungen notwendig sind, damit eine kreative Situation überhaupt entstehen kann:

Der Plan ist der Tod der Kreativität, Chaos ist die Mutter der Kreativität.

Um kreativ sein zu können, braucht man ein Übermaß an nicht verplanter Zeit.

Man kann die beste Technik haben; um wirklich schöpferisch zu sein, braucht es das Überraschende, das Unerwartete, das nicht Vorhersehbare.

Konstantin Sergejewitsch Stanislawski

Ein vollgefressener Magen verdaut schlecht, ein vollgestopftes Gehirn schaltet auf Notbetrieb und ist nicht mehr kreativ.

Alle folgenden Ausführungen beziehen sich auf die Kunstform Theater. Andere Kunstformen habe ich in die Betrachtungen nicht mit einbezogen.

Chaos ist die Mutter der Kreativität

Zu Punkt 1: Dass Chaos die Mutter der Kreativität ist, bedeutet, dass man erstmal im eigenen Kopf das Chaos zulassen muss, damit Gedanken in alle möglichen Richtungen gehen können und sich aus dieser Vielzahl von gedanklichen Möglichkeiten Ideen entwickeln. Selbst die verrücktesten Ideen, die einem im Kopf herumgeistern, sollten nicht unterdrückt werden, nur weil sie nicht ins Konzept passen. Denn daraus kann Großes entstehen!

Erst, wenn Ideen entstanden sind, die man verfolgen und vertiefen möchte, tritt der Plan ans Licht. Er wird gebraucht, um die Ideen in die Realität umzusetzen. Zum Beispiel um sie konkret in die Konzeption eines Theaterstückes oder einer Rolleninterpretation zu übertragen.

Sich von vorneherein auf einen Plan festzulegen heißt, die Fülle der eigenen Kreativität von Anfang an zu begrenzen. Dann kommen oft Lösungen heraus, die man so oder so ähnlich schon gesehen hat und die gähnend langweilig sein können.

Pension Schöller - Franz Eggstein bei den Proben
Franz gibt Anweisungen während der Probe – Foto: Oliver Hahn

Schöpfergeist braucht seine Zeit

Zu Punkt 2: In einem von Beginn an festgelegten Zeitrahmen kreativ sein zu wollen, ist schwer möglich. Schriftsteller arbeiten zwar oft nach einem Zeitplan, in dem sie z.B. um 10 Uhr morgens anfangen zu schreiben. Nur wird kein Schriftsteller mit dem Schreiben aufhören, wenn es gut läuft. Dann arbeiten sie so lange weiter, bis sie erschöpft sind, bis Körper und Geist ihnen signalisieren, dass jetzt nichts mehr geht.

Ähnlich verhält es sich bei den Theaterproben. Natürlich gibt es einen Zeitrahmen in dem wir zum Beispiel festlegen, wir fangen um 14 Uhr an und proben dann bis mindestens 18 Uhr. Nur hören wir um 18 Uhr auf, wenn die Probe dann gerade gut läuft? Sollen wir die Muse des Theaters, wenn diese erst um 17 Uhr um die Ecke biegt, um 18 Uhr wieder vor die Tür setzen? Kann man kreatives Arbeiten in einen Zeitrahmen pressen? Ich sage, NEIN.

Ein Beispiel aus einer Probe zu „Liv Stein“.

Dabei ging es um eine etwa 15-minütige Szene zwischen Liv Stein und ihrem Ex-Mann Emil. Probenbeginn war um 14 Uhr an einem Samstag.

Wir probierten in den Proben die unterschiedlichsten Konstellationen zwischen den beiden aus, aber irgendetwas fehlte immer. Die Szene lief einfach nicht gut!

Zwischendurch machten wir Pausen, tranken Tee, aßen Kuchen und redeten über die Szene. Wir hatten an dem Tag kein Zeitlimit und irgendwann, um Mitternacht herum, als wir den letzten Versuch starteten aus der Szene etwas Brauchbares zu entwickeln, lief sie plötzlich und war so gut, dass wir die szenische Anlage so, ohne weitere Nacharbeit, für die Schlussproben übernehmen konnten.

Gegen zwei Uhr morgens kamen wir aus dem Theatersaal, hatten aber eine der schwierigsten Szenen des Stückes gemeistert.

Das ist sicher ein extremes Beispiel und nicht unbedingt für alle Proben anwendbar. Ich will damit aufzeigen, dass man, ohne sich von vorneherein auf ein Zeitlimit zu begrenzen, die Möglichkeit schafft, in einen kreativen „Flow“ zu kommen, der ganz unerwartete Ergebnisse hervorbringen kann.

Dieser kreative „Flow“ ist das Herzstück der Proben, wenn es plötzlich ganz von alleine läuft, wenn einfach drauflos gespielt wird, ohne dauernde Unterbrechungen und wenn dann auch noch was Tolles dabei herauskommt.
Dieser kreative „Flow“ entsteht aber in der Regel nur dann, wenn es kein Zeitlimit gibt, wenn jeder in seinem eigenen Kopf den Organizer abschalten kann.

Wieviel Spontaneität lassen wir in unserem Leben zu?

Zu Punkt 3: Jede/r die/der diesen Text liest, kann sich selber folgendes fragen:
Wenn jemand, den ihr kennt, euch an einem schönen Tag spontan fragt, ob ihr nicht Lust habt, jetzt, sofort, an die Nordsee zu fahren, weil der Tag doch so schön ist und man ihn genießen sollte, sagt ihr dann spontan zu und kommt mit? Oder zieht nicht jede/r ihr/sein Handy heraus, klickt auf den Kalender und hat dann tausend Termine, so dass aus der spontanen Aktion nichts wird? Diese Frage möge jede/r für sich selbst beantworten.

Ich greife das Zitat von Stanislawski wieder auf. Spontanität heißt im Theater, dass man auch mal was Ungewöhnliches macht, etwas Verrücktes, etwas mit dem niemand gerechnet hat. Eine Handlung, die nicht dem Mainstream entspricht, oder sogar gegen den Mainstream ist. Das Unerwartete setzt bei den Teilnehmer:innen einer Probe einen kreativen Prozess in Gang, wenn man sich darauf einlässt. Einlassen bedeutet, mit den Mitteln des Schauspielens auf eine unerwartete Aktion zu reagieren.

Also nicht, die Probensituation abzubrechen und darüber zu diskutieren, was gerade geschehen ist, sondern mitmachen, seinem eigenen Impuls folgen, selber verrückte Dinge machen. Es heißt, mit den anderen zu spielen und sich von der Situation mit- und fortreißen zu lassen. Dabei ohne Selbstkontrolle und Selbstzensur. Den Zensor, den viele im Kopf mit sich herumtragen, sollte man sowieso vor die Tür setzen. Sonst ist man zu so einer Aktion, die äußerst kreativ sein kann, nicht fähig.

Wer verplant ist, ist gehemmt

Verplant zu sein, bedeutet letztendlich auch, zu keiner spontanen Aktion mehr fähig zu sein. Spontanität ist nicht planbar und wer im Leben dauernd nach seinem Plan handelt und vorgeht, wird die Fähigkeit zur spontanen Handlung verlieren. Sie hat eben auch immer etwas anarchisches und das ist in unserer Gesellschaft als unerwartete Handlung nicht erwünscht. Spontanität selbst soll eine planbare Handlung sein, die in der oder der Situation angewendet werden kann. Aber wahre Spontanität und Plan schließen sich aus, weil bei der geplanten Spontanität das anarchische Element fehlt.

Die Frage, die sich mir stellt, ist, wie Menschen, deren Leben verplant ist oder die ihr Leben verplanen, plötzlich ad hoc auf dem Theater spontan und damit schöpferisch handeln sollen? Kann man den Freiraum der Bühne wirklich für sich nutzen, wenn der Plan bereits im Kopf manifest und Teil des eigenen Lebens ist?
Bei unseren studentischen Teilnehmer:innen habe ich oft das Gefühl, dass verplant zu sein, chic ist. Wer immer busy ist, immer verplant, der ist offenbar interessant, weil sie oder er entweder ganz viel macht oder ganz viele Menschen mit ihr oder ihm zu tun haben wollen. Es ist offenbar ein Zeichen unserer Gesellschaft, dass die Wichtigkeit der eigenen Person auch durch die Verplantheit der eigenen Zeit gegenüber anderen signalisiert wird.

Je verplanter ich bin, desto wichtiger bin ich. Für sich ein Übermaß an Zeit zu haben, also den Raum für die eigene Kreativität zu schaffen, ist in diesen verplanten Leben nicht vorgesehen. Wenn man kreativ sein muss, dann bemüht man eben das Netz, um dort etwas zu finden. Schließlich suggeriert BIG DATA:

„Ihr habt ein Problem, wir haben die Lösung.“

Und zwar auf alles und jedes: Nur, so eine klitzekleine Frage, haben die Silicon-Valley-Monopolisten auch für das Problem des Hungers in der Welt, oder die Armuts- Reichtums-Schere eine Lösung?

Ein vollgefressener Magen macht träge

Zu Punkt 4: Ich habe mich mal intensiv mit einem Neurologen unterhalten. Dieser brachte das Beispiel, dass ein vollgefressener Magen einem nicht nur Probleme verursacht, sondern so träge macht, dass man nicht mehr imstande ist, etwas zu tun. So sei es auch mit unserem Gehirn, wenn man es dauernd mit einer Information nach der anderen vollstopft. Unser Gehirn ist eigentlich ein „Steinzeitgehirn“. Wir sind nur in der Lage eine Sache wirklich gut zu machen und um sie gut zu machen, muss man sich auf diese eine Sache konzentrieren. Vor allem wenn es sich – wie beim Theater – um eine kreative Arbeit handelt. Ein vollgestopftes Gehirn schaltet auf Notbetrieb und ruft die Dinge ab, die es kennt. Etwas schöpferisch Neues kann so nicht entstehen. In so einem Fall kommt nichts Anderes bei der Arbeit heraus, als bekannte Dinge.

Nur wenn das Hirn nicht überlastet ist, kann es Neues entwickeln und schöpferisch tätig werden. Fürs Theater bedeutet das, dass man den Freiraum der Proben nutzen muss, dass man sich für die Zeit der Proben um nichts anderes kümmert, als mit Geist, Seele und Körper ganz und gar da zu sein.

Fazit oder zurück an den Anfang

Zurück zu den eingangs gestellten Fragen.

Terminabsprachen

Natürlich ist es so, dass auch Studierende heute eine Menge Termine haben. Jede/r sollte sich aber fragen, welche Termine sind sehr wichtig, welche sind weniger wichtig und wieviel Zeit nehmen die sehr wichtigen Termine in Anspruch. Wer Theater machen will, muss sich darüber im Klaren sein, dass Theater eine aufwendige Kunstform ist, für die man viel Zeit benötigt. Vor allem, wenn man als Schauspielerin oder Schauspieler aktiv ist. Es geht dabei nicht nur um die Anwesenheit bei den Proben. Wer immer eine Rolle spielen möchte, muss den Text zuhause lernen und sich Gedanken machen, wie sie/er die Rolle anlegt. Je größer die Rolle ist, desto mehr Zeit nimmt sie in Anspruch. Und dann kommen die Proben dazu.

Bei meiner letzten Regiearbeit probten wir zweimal die Woche von Mitte Januar bis Mitte April. Dann kamen die Gesamt- und Endproben, so dass zweimal die Woche nicht ausreichte. In der Endphase waren es dann vier- bis fünf Proben pro Woche. Mit so einem Zeitaufwand muss jede/r rechnen, der Theater spielen möchte.

Workshop Geschlossene Gesellschaft - Franz Eggstein im Gespräch mit Joris Immenhauser
Workshop Geschlossene Gesellschaft – Franz Eggstein im Gespräch mit Joris Immenhauser
drei bis vier Monate einplanen

Man sollte deshalb für ein Theaterprojekt diesen Zeitaufwand über drei bis vier Monate einplanen und in dieser Zeit bei anderen Dingen zurückstecken. Nur so geht es. Nur so kann man Termine mit mehreren Personen absprechen. Wenn es nicht gemacht wird, erleben wir das, was wir in letzter Zeit sehr häufig erlebt haben: Terminabsprachen mit mehreren Schauspieler:innen sind nicht möglich. Und dass daran letzten Endes ein Projekt scheitert.
Das heißt aber auch für jeden Einzelnen, dass man bei seinen individuellen Vorlieben Kompromisse eingeht.

Man kann nicht erwarten, dass die anderen Kompromisse machen, während man für sich selber in Anspruch nimmt, dass alles so wichtig ist, dass man keine Kompromisse eingehen kann. So ist ein gemeinsames Handeln nicht möglich. Theater ist eine Kollektivkunst und es bedarf eines solidarischen Handelns (ein Begriff der aus der Mode gekommen ist!) um ein Projekt realisieren zu können. Einer unserer ehemaligen Schauspieler benutzte gern folgendes Beispiel:

„Man kann auch eine Woche später noch zu Omas oder Opas Geburtstag fahren und mit ihnen feiern, wenn gerade ein wichtiger Probentermin ansteht. Das Theater geht in einem solchen Fall vor.“

Kreativität

Dazu habe ich mich in den Punkten 1 bis 4 schon ausgiebig geäußert. Allerdings die Frage nicht beantwortet, wie man in Zeiten des verplanten Lebens trotzdem kreativ sein kann. Es ist eine schwierige Frage und eine Patentlösung dafür gibt es nicht. Im Folgenden einige Ideen wie das trotz der „Diktatur“ des Terminkalenders möglich sein könnte.

  • Während der Proben ist das Handy nicht nur auf lautlos geschaltet, es wird für die Dauer der Proben überhaupt nicht aufs Handy geschaut. Auch nicht während der Probenpausen. Man sollte die Fähigkeit haben, sich für eine begrenzte Zeit vom Handy zu verabschieden und die Freiheit des „Nicht-Erreicht-Werden-Könnens“ zu genießen. Dadurch bleibt man in der Probensituation und steigt nicht zwischendrin mental immer wieder aus. Auch während einer Pause, wenn man z.B. etwas isst und trinkt, ist die Rolle so immer gegenwärtig. Man steigt aus seiner eigenen Rolle nie ganz aus.
  • Da keine Verbindung über das Handy zur Außenwelt besteht, können auch keine „störenden“ Impulse aus der Außenwelt in die Probensituation eindringen. Man schafft so für die Dauer der Probe den kreativen Raum, der für die Kunstform Theater notwendig ist.
Maic, Anna und Lina im Publikum - Foto: Oliver Hahn
Maic, Anna und Lina im Publikum – Foto: Oliver Hahn
open-end Proben
  • Die Probe hat einen klaren Beginn, sollte aber generell als „open-end Probe“ angelegt sein. So bricht man nicht ab, wenn es gerade gut läuft, wenn eine Menge kreativer Ideen und Impulse da sind. So vermeidet man es, um das Bild wieder aufzunehmen, die Muse des Theaters vor die Tür zu setzen, wenn sie gerade anwesend ist.
  • Man sollte sich eine Auszeit vom verplanten Leben gönnen und den Freiraum der Bühne genießen, auf der alles erlaubt ist und auf der man alles machen darf und wenn es das anarchischte Treiben ist. Der französische Rapper MC Solaar (in Frankreich bekannt wie der bunte Hund) sagte mal:

„Freiheit ist etwas für Rebellen und nichts für Spießer“

Dann nehmen wir uns doch wenigsten für die Proben die Freiheit Rebellen sein zu dürfen.


Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert