Das ist sicher ein extremes Beispiel und nicht unbedingt für alle Proben anwendbar. Ich will damit aufzeigen, dass man, ohne sich von vornherein auf ein Zeitlimit zu begrenzen, die Möglichkeit schafft, in einen kreativen „Flow“ zu kommen, der ganz unerwartete Ergebnisse hervorbringen kann.
Dieser kreative „Flow“ ist das Herzstück der Proben, wenn es plötzlich ganz von alleine läuft, wenn einfach drauflos gespielt wird, ohne dauernde Unterbrechungen und wenn dann auch noch was Tolles dabei herauskommt.
Dieser kreative „Flow“ entsteht aber in der Regel nur dann, wenn es kein Zeitlimit gibt, wenn jeder in seinem eigenen Kopf den Organizer abschalten kann.
WIE VIEL SPONTANITÄT LASSEN WIR IN UNSEREM LEBEN ZU?
Zu Punkt 3: Jede/r, die/der diesen Text liest, kann sich selber folgendes fragen: Wenn jemand, den ihr kennt, euch an einem schönen Tag spontan fragt, ob ihr nicht Lust habt, jetzt, sofort, an die Nordsee zu fahren, weil der Tag doch so schön ist und man ihn genießen sollte, sagt ihr dann spontan zu und kommt mit? Oder zieht nicht jede/r ihr/sein Handy heraus, klickt auf den Kalender und hat dann tausend Termine, so dass aus der spontanen Aktion nichts wird? Diese Frage möge jede/r für sich selbst beantworten.
Ich greife das Zitat von Stanislawski wieder auf. Spontanität heißt im Theater, dass man auch mal was Ungewöhnliches macht, etwas Verrücktes, etwas, mit dem niemand gerechnet hat. Eine Handlung, die nicht dem Mainstream entspricht oder sogar gegen den Mainstream ist. Das Unerwartete setzt bei den Teilnehmer:innen einer Probe einen kreativen Prozess in Gang, wenn man sich darauf einlässt. Einlassen bedeutet, mit den Mitteln des Schauspielens auf eine unerwartete Aktion zu reagieren.
Also nicht, die Probensituation abzubrechen und darüber zu diskutieren, was gerade geschehen ist, sondern mitmachen, seinem eigenen Impuls folgen, selber verrückte Dinge machen. Es heißt, mit den anderen zu spielen und sich von der Situation mit- und fortreißen zu lassen. Dabei ohne Selbstkontrolle und Selbstzensur. Den Zensor, den viele im Kopf mit sich herumtragen, sollte man sowieso vor die Tür setzen. Sonst ist man zu so einer Aktion, die äußerst kreativ sein kann, nicht fähig.
WER VERPLANT IST, IST GEHEMMT
Verplant zu sein, bedeutet letztendlich auch, zu keiner spontanen Aktion mehr fähig zu sein. Spontanität ist nicht planbar und wer im Leben dauernd nach seinem Plan handelt und vorgeht, wird die Fähigkeit zur spontanen Handlung verlieren. Sie hat eben auch immer etwas Anarchisches und das ist in unserer Gesellschaft als unerwartete Handlung nicht erwünscht. Spontanität selbst soll eine planbare Handlung sein, die in der oder der Situation angewendet werden kann. Aber wahre Spontanität und Plan schließen sich aus, weil bei der geplanten Spontanität das anarchische Element fehlt.
Die Frage, die sich mir stellt, ist, wie Menschen, deren Leben verplant ist oder die ihr Leben verplanen, plötzlich ad hoc auf dem Theater spontan und damit schöpferisch handeln sollen? Kann man den Freiraum der Bühne wirklich für sich nutzen, wenn der Plan bereits im Kopf manifest und Teil des eigenen Lebens ist?