Wellenbruch. Das Interview (1)

Ich habe mit Marius Roskamp und Till Rahm, den Initiatoren des Filmkollektiv „Das Stattliche Baumhaus“, ein exklusives Interview geführt. Wir plauderten über das aktuelle Projekt „Wellenbruch“,  den Entstehungsprozess eines Kurzfilmes und über die aktuelle Filmlandschaft.

Teil 1: Das Projekt „Wellenbruch“.

Wovon handelt das aktuelle Projekt?

Marius: „Wellenbruch“ handelt von Beziehung, Liebe und Trennung. Es geht einerseits darum, dass sich die eigene Welt im Kopf stark von der Realität unterscheiden kann. Andererseits thematisiert der Film auch, wie fremd man sich in einer neuen und ungewohnten Umgebung fühlt.

Till: Boah, ich hätte dir fast geglaubt. (lacht) Ich bin beeindruckt.

„Wellenbruch“ klingt schon sehr außergewöhnlich. Wie ist dieser Titel zustande gekommen?

Marius: Daran haben wir uns auch lange die Zähne ausgebissen. „Wellenbruch“ daher, weil der Funkkopfhörer ursprünglich eine viel größere Bedeutung für den Film hatte. Es sollte darum gehen, wie unwirklich es sein kann wenn man eine fremde Welle auffängt und etwas von der Außenwelt mitbekommt, dass nicht zum eigenen Leben gehört. Das Zuhören bei einem fremden Leben ist immer noch Teil des Filmes und führt zu Brüchen im Leben der Hauptfigur.

Wie geht ihr mit Brüchen in euren Leben um?

Till: Um beim Wort „Bruch“ zu bleiben: Schauen, dass er wieder Heile wird. Es bringt nichts zu sagen „Das ist Scheiße!“. Man sollte sich darum bemühen, dass es wieder besser wird. Oder um es mit Alf zu sagen: „Was hilft es über verschüttete Milch zu klagen?“ Alf war ein ziemlich kluges Alien. Für diejenigen, die ihn noch kennen. Ein Großteil der Menschen meckert nur über ihre Probleme, anstatt an einer Lösung zu arbeiten. Das ist eine Sache, die ich in meiner Umwelt vermisse, sei es auf der Arbeit, in der Schule oder auch beim Einkaufen. Anstatt zu nörgeln, soll man den alten Mann an der Kasse einfach mal sein Kleingeld zählen lassen. Dann wartet man halt ein bisschen, ist das so schlimm?

Marius: Meckern finde ich aber auch schon richtig. Ich finde es ist ein elementarer Bestandteil und auch wichtig, dass das nach Außen getragen wird.

Till: Jein. Meckern ist nicht verkehrt, aber eine Sache der persönlichen Einstellung. Du kannst auch ein Leben ohne meckern führen.

Marius: Echt?

Till: Klar.

Marius: Den will ich sehen.

Till: Dann guck mal hier her! (lacht)

Marius: Wie bitte? Du hast gerade über Leute gemeckert die meckern.

Till: Wenn du es so siehst, natürlich. (beide lachen)

Wie wichtig ist meckern im Schaffensprozess?

Marius: Im Schaffensprozess? Sehr. Ich habe das Skript zu „Wellenbruch“ gemeinsam mit Laure geschrieben. Es gab Probleme bei der Spannungskurve am Ende des ersten Aktes. Durch den Input von Laure haben wir das Problem wieder in Angriff genommen. Ich habe Ideen eingebracht, die Laure kritisierte und Laure hat Vorschläge gemacht, die ich kritisierte. Dann fanden wir beide eine Idee gut und es wurde nicht gemeckert. Dadurch wussten wir, dass es gut war.

Ist Laure auf dich zugekommen oder bist du auf sie zugegangen?

Marius: Ist bin zunächst auf sie zugegangen, weil ich Laure als sehr gute Schauspielerin in Erinnerung habe. Dann hat sie mich gefragt, ob ich noch Hilfe beim Drehbuch bräuchte und ich habe geantwortet: „Warum eigentlich nicht?“.

Wie schwierig ist es, Teilnehmer für ein Filmprojekt zu gewinnen?

Marius: Die erste Hürde ist, dass die Personen von deinem Projekt wissen müssen. Und da haben wir dieses Mal verschiedene Wege ausprobiert. Die Schauspieler haben wir größtenteils über meinen Bekanntenkreis angeworben, glücklicherweise ist Theater InCognito als Quelle direkt zur Hand. Kameramann und Lichttechniker mussten wir über andere Kanäle finden. Ich habe zum Beispiel an der Universität Oldenburg Flyer ausgelegt. Am besten funktionierte aber letztendlich eine Anzeigen am Schwarzen Brett von Bremen.de. Über diese haben wir unseren Kameramann Linus gefunden. Und das ist schon mal ein guter Schnitt, vor allem weil das ziemlich kurzfristig war.

Till: Da wir es nicht beruflich machen, können wir schwer verlangen: „Okay, ihr fünf bis zehn Leute, die wir jetzt für das Projekt gewonnen haben, müsst in drei Monaten eine Woche für diesen Kurzfilm durcharbeiten, für den ihr kein Geld bekommt und eure Freizeit opfert.“

Marius: So funktioniert es halt nicht. Wir müssen schon eine Excel-Tabelle anlegen, in der jeder Name und jedes Datum enthalten ist. Dann machen wir ein Ampelsystem. Passt, passt vielleicht oder passt nicht.

Till: Überhaupt war es schwierig das Datum einzugrenzen. Wir hatten grob angedacht im August anzufangen, dann wurde es September beziehungsweise Anfang Oktober. Am Ende ist es der November geworden. Wie will man es auch anders machen? Die Leute sind berufstätig oder studieren. Hätten wir ein größeres Budget zur Verfügung, könnten wir Kameramann, Schauspieler oder Räumlichkeiten einfach zu einem festen Zeitpunkt buchen. Aber das haben wir nicht. Wir hoffen am Ende ein Ergebnis zu erreichen, über das wir sagen können, dass wir zufrieden sind.

Marius: Solange es kein Geld gibt, funktioniert alles im Sinne von „Wir sind Amateure und es ist uns klar, dass es auch ein Leben außerhalb des Hobbys gibt“. Natürlich ist es für das Projekt schon ein kleiner Beinbruch, aber auch immer verständlich, wenn jemand keine Lust mehr hat.

Till: Das sind Dinge, die passieren. Es ist nicht toll, wir machen keine Luftsprünge und freuen uns, aber es ist einfach so. Damit zu leben ist schwierig, insbesondere wenn es öfter passiert oder wenn du ein Projekt hast, von dem Anfangs alle begeistert sind und dann schwindet der Elan plötzlich ganz schnell. Daher haben wir entschieden, dass Marius zunächst aus seinem Umfeld schöpft und die Personen anspricht, die er für zuverlässig hält. Und dadurch, dass er das Skript gemeinsam mit Laure entwickelt hat, bindet sie das nochmal ganz anders an das Projekt als wenn sie nur Schauspielerin wäre.

Wie viel Zeit verstreicht denn gewöhnlich vom ersten Gedanken bis zum fertigen Film?

Marius: Bei unserem letzten Kurzfilm „Nähe“ hatte ich die erste Idee als wir gerade „Liv Stein“ probten, also im Frühjahr 2015. Das Skript war ziemlich schnell fertig, weil es auch nur anderthalb Seiten lang war. Gedreht haben wir dann bis Ende 2015. Der Schnitt hat mehr Zeit in Anspruch genommen, da wir das alles in unserer Freizeit machen mussten. Ende 2016 war der Film schlussendlich fertig.

Till: Wenn man nur die reinen Arbeitsstunden zusammenzählt, ist das natürlich ein Witz. Aber wenn du über zwei Jahre verteilt arbeitest, triffst du dich an manchen Tagen für vielleicht vier Stunden. Und dann passiert wieder einen Monat nichts. Im Schnitt schaffst du an einem Tag mal zehn Minuten und an einem anderen dann mal nur fünf. Das summiert sich irgendwann, aber es kommt nichts großes dabei heraus. Wenn du nicht ambitioniert hinter dem Projekt her bist, dann kannst du schnell das Interesse daran verlieren.

Marius: Aber wir sind zufrieden damit, dass wir es gemacht haben.

Till: Und das ist der Punkt. Es kommt immer darauf an, wonach man fragt. Bist du zufrieden mit dem Film? Oder bist du Angesicht dessen, was du investiert hast, zufrieden mit dem Ergebnis? Und zu letzterem sage ich: Ja.

Marius: Es hängt auch einfach von den Projekten ab. Im aktuellen steckt bereits in der Vorbereitung viel mehr Zeit drin als beim vorherigen.

Till: Auch der Aufwand ist wesentlich größer.

Marius: Wesentlich. Wir haben zum Beispiel für „Wellenbruch“ ein dreimal so großes Team.

Das klingt ganz danach, als seien die Ansprüche an dieses Projekt höher sind als an das letzte.

Marius: Ich habe schon den Anspruch, dass ein guter Film dabei herauskommt.

Till: Richtig. Der Anspruch von uns ist auf alle Fälle da, auch weil das komplette Projekt wesentlich durchdachter ist. Wir haben ganze Abende und Tage mit Telefonieren und Organisieren verbracht. Das kommt alles mit dazu.

Was wünscht ihr euch für „Wellenbruch“? Wie sollte der Film aufgenommen werden?

Till: Du meinst den fertigen Film? Ich für meinen Teil wünsche mir das die Zuschauer erkennen, dass dem Team die Arbeit an dem Projekt Spaß gemacht hat. Das ist mir persönlich wichtig.

Marius: Wenn die Leute den Film blöd finden, dann ist das halt so. Wenn die Leute ihn gut finden, freue ich mich. Till hat da schon recht. Es ist eine tolle Erfahrung, ein Team um sich zu versammeln und ein gemeinsames Projekt auf die Beine zu stellen.

Weiter Beitrag

Zurück Beitrag

Antworten

© 2018 Theater InCognito

Impressum